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Von Romrod nach Boston: Auf den transatlantischen Spuren Charles Follens

Eine persönliche Spurensuche von Prof. Dr. Frank Mehring

Was verbindet eigentlich Romrod mit Boston? Mehr, als man vielleicht zunächst vermuten würde. Wer zum Beispiel in der berühmten Boston Public Library die große Treppe zum imposanten Lesesaal hinaufsteigt, begegnet dem Namen ihres bedeutenden Architekten auf einer Gedenkplatte: Charles Follen McKim. Seine abolitionistisch gesinnten Eltern hatten ihn bewusst nach dem im Forsthaus Romrod geborenen Freiheitskämpfer und Sklavereigegner Karl „Charles“ Follen benannt.

Eingang der Boston Public Library mit der Arlington Street Church im Hintergrund (Foto: Frank Mehring)

Für mich ist diese Wiederentdeckung im Sommer 2026 zugleich eine Rückkehr. Als Biograf und Herausgeber ausgewählter Schriften Follens forschte ich bereits in den 1990er und frühen 2000er Jahren an der Harvard University über sein amerikanisches Wirken. Heute erscheinen mir Boston, Cambridge und Lexington wie eine transatlantische Erinnerungslandschaft, in der Follens Name bis heute nachhallt – im Zeitalter des Trumpismus allerdings auch in einer anderen Tonart.

Ein Name führt von Romrod nach Boston

Es mag überraschen. Aber: McKim war keineswegs Einzelfall. Im Neuengland des 19. Jahrhunderts begegnen uns neben Charles Follen McKim unter anderem auch Charles Follen Adams, ein Dichter und Humorist; Charles Follen Folsom, Arzt und Psychiater; Charles Follen Garrison, Sohn des großen Abolitionisten William Lloyd Garrison; und Charles Follen Lee, ein universalistischer Geistlicher, der später episkopaler Priester wurde. Wie viele weitere Charles Follens mag es gegeben haben, deren Namen heute in keinem biografischen Lexikon mehr auftauchen?

Karl Follen hatte in Gießen Jura studiert und gehörte zu den radikalsten Köpfen der frühen deutschen Freiheitsbewegung. Seine politischen Überzeugungen zwangen ihn schließlich, Europa zu verlassen. In den Vereinigten Staaten wurde aus Karl Follen Charles Follen. Als Professor und Sprachlehrer, Vermittler deutscher Kultur, unitarischer Geistlicher und entschiedener Gegner der Sklaverei setzte er sein freiheitliches Engagement unter neuen Bedingungen fort. Seine Biografie steht damit exemplarisch für den transatlantischen Transfer demokratischer Ideen – und für den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Eine weitere Station nach der Boston Library führt zur heutigen Arlington Street Church im Boston Common – dem historischen Stadtpark. Sie steht in der Tradition jener Gemeinde, in der William Ellery Channing wirkte, einer der bedeutendsten Vertreter des amerikanischen Unitarismus und ein enger Freund Follens.

Denkmal für William Ellery Channing am Boston Public Garden, nahe der Kreuzung von Boylston Street und Arlington Street. Die Statue befindet sich unter einem marmornen Pavillon (Foto: Frank Mehring)

Nach Follens Tod ehrte Channing seinen Freund in der 1840 veröffentlichten Rede A Discourse Occasioned by the Death of the Rev. Dr. Follen. Darin bezeichnete er Follen als einen jener seltenen Menschen, die durch die „Makellosigkeit ihres Lebens“ und die „Erhabenheit ihres Geistes“ aus der Menge hervorstünden. Menschen, die ihn gut gekannt hätten, hätten keinen „reineren, edleren Menschen“ gekannt.

Arlington Street Church gegenüber dem Denkmal für William Ellery Channing am Boston Public Garden (Foto: Frank Mehring)

Vom hessischen Freiheitskämpfer zum amerikanischen Abolitionisten

Diese Worte zeigen, wie stark Follen auf seine Zeitgenossen wirkte. Zugleich sprach er unbequeme Wahrheiten aus. Er forderte nicht nur die Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten, sondern kritisierte auch jene weißen Abolitionisten im Norden – in seinen eigenen Reihen also – , die freie schwarze Menschen weiterhin gesellschaftlich ausgrenzten.

Wenn man der Gesellschaft einprägen wolle, „dass der farbige Mensch ein Mensch ist“, so Follen, müsse man diese Gleichheit auch im eigenen Handeln verwirklichen. „Haben wir denn ein anderes Ziel“, sagte er, „als der Gemeinschaft diesen einen Grundsatz einzuprägen: dass der Schwarze ein Mensch ist? Und ist andererseits nicht das Vorurteil, das Schwarze von unseren Versammlungen und Vereinigungen hier ausschließen würde, dasselbe Vorurteil, das sie in den Südstaaten zu ewiger Knechtschaft verdammt? Wie können wir die Dreistigkeit besitzen, von den weißen Sklavenhaltern des Südens zu erwarten, dass sie mit ihren schwarzen Sklaven auf der Grundlage bürgerlicher Gleichheit zusammenleben, wenn wir, die weißen Abolitionisten des Nordens, nicht einmal freie Schwarze als Mitglieder unserer Anti-Sklaverei-Gesellschaften aufnehmen wollen?“

Harvard, Sklaverei und ein unbequemer Professor

Von Boston führt die Spur nach Cambridge. An Harvard lehrte Follen Deutsch, Ethik, Geschichte und Kirchengeschichte. Zugleich gehörte er zu den frühen entschiedenen Gegnern der Sklaverei innerhalb der Universität. In den 1990er und frühen 2000er Jahren habe ich hier in Archiven und Bibliotheken zu seinen Schriften, Lehrbüchern und seiner akademischen Tätigkeit geforscht.

Originalausgaben von Karl Follens Grammatik und Lesebuch aus den 1820er- und 1830er-Jahren in der Widener Library der Harvard University (Foto: Frank Mehring)

Heute wird dieser Teil der Universitätsgeschichte wesentlich offensiver thematisiert. Das Projekt Harvard & the Legacy of Slavery ordnet Follen in die Geschichte des Widerstands gegen Sklaverei und Rassendiskriminierung ein. Harvard hält dabei fest, dass Follen selbst überzeugt war, sein abolitionistisches Engagement habe zum Verlust seiner Vollzeitstellung beigetragen.

Was ich vor Jahrzehnten in historischen Dokumenten untersuchte, ist damit inzwischen Teil einer institutionellen, kritischen Selbstbefragung Harvards geworden. Dass Universitäten bis heute Schauplätze politischer Auseinandersetzungen sind und öffentlicher Druck akademische Karrieren beenden kann, zeigte im Januar 2024 der Rücktritt Claudine Gays, der ersten Schwarzen Präsidentin Harvards, nach der kontroversen Kongressanhörung zum Antisemitismus und im Zuge zusätzlicher Plagiatsvorwürfe.

Auch außerhalb der Universität lebt sein Name fort. In Cambridge erinnert die Follen Street an ihn und sein Wirken. Für einen Besucher aus Oberhessen entsteht dabei ein bemerkenswertes Spiegelbild, denn auch in Gießen gibt es eine Follenstraße. Warum eigentlich nicht auch in Romrod?

Die Kirche, die Follen nicht mehr einweihen konnte

Die eindrucksvollste Station meiner Spurensuche liegt jedoch in Lexington. Dort hatte Follen als unitarischer Geistlicher gewirkt und war maßgeblich an der Planung eines ungewöhnlichen achteckigen Kirchenbaus beteiligt. Auch der Innenraum entsprach seinem Gleichheitsideal: Geistlicher und Gemeinde sollten sich möglichst auf Augenhöhe begegnen. Die Einweihung war für den 15. Januar 1840 vorgesehen und Follen sollte die Festpredigt halten. Follen erreichte Lexington nicht mehr. Am 13. Januar bestieg er in New York das Dampfschiff Lexington. Während der Überfahrt geriet es in Brand. Follen kam bei der Katastrophe ums Leben. Er war 43 Jahre alt.

Für die abolitionistische Bewegung und viele Bürger von Neuengland war sein Tod ein Schock. Follens Freund, der Abolitionist Samuel Joseph May, fasste die Wirkung in einem eindringlichen Satz in seiner Grabrede zusammen: „Einer der Türme unserer Stärke ist gefallen.“

Die Massachusetts Anti-Slavery Society wollte Follen mit einer öffentlichen Gedenkveranstaltung ehren. Channing setzte sich dafür ein, seine Federal Street Church zur Verfügung zu stellen, doch innerhalb der Gemeinde kam es zum Konflikt. Schließlich hielt May am 17. April 1840 in der Marlborough Chapel seine Rede A Discourse on the Life and Character of the Rev. Charles Follen, LL.D..

Darin wurde aus politischer Erinnerung ein beinahe religiöses Vermächtnis. May sagte: „Er ist von uns gegangen, aber er hat nicht aufgehört zu sein. Ein Geist und ein Herz wie die seinen können nicht ausgelöscht werden.“ Für May wurde Follen damit zu einem „Zeugen der Unsterblichkeit“.

Wie Follens Name weiterlebt

Gerade diese Vorstellung hilft zu verstehen, warum Follens Name in Neuengland weiterlebte: in Menschen, in einer Straße, in einer Kirche, in Archiven, in der Erinnerung seiner Freunde und im Namen von Kindern.

Für mich als Biograf hat diese Spurensuche deshalb etwas sehr Persönliches. Was ich vor Jahrzehnten in Harvard als historische Überlieferung studierte, lässt sich heute im Stadtraum neu lesen. Follens Geschichte verbindet Romrod, Gießen, Boston, Cambridge und Lexington auf überraschende Weise.

Er verließ Hessen. Doch sein Name verschwand nicht. Wer heute durch Boston und Umgebung reist, kann seine Spuren noch immer finden – in Archiven, Kirchen, Straßennamen und manchmal sogar im Namen eines berühmten Architekten.

Und plötzlich erscheint der Atlantik zwischen Romrod und Boston ein wenig schmaler. Es bleibt die Frage, was die Erinnerung an Follen heute bedeutet – an einen unbequemen Verfechter demokratischer Ideale in einem Amerika, das bis heute mit dem Abstand zwischen seinen politischen Versprechen und seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit ringt.

Foto-Collage oben im Uhrzeigersinn:

  • Gedenkplatte von Charles Follen McKim: Der Architekt der Boston Public Library wurde nach Charles Follen benannt.
  • Frank Mehring 2004 an der Harvard University: Der Biograf und Herausgeber ausgewählter Follen-Schriften forschte hier in den 1990er und frühen 2000er Jahren zu Follens Wirken in Amerika.
  • Follen Church in Lexington: Die Kirche erinnert an Follens letzte Lebensphase und an seine Rolle als Geistlicher und Reformer.
  • Follen Street in Cambridge: Auch im Stadtbild von Harvard lebt der Name Charles Follens bis heute fort.

 

 

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