Auf Entdeckungsreise in der Region: Erinnerungswerkstatt besucht Eifa und Trutzhain
Von Dr. Birgit Richtberg
„Ten places to see ….“ heißt die berühmte Buchreihe, die Ziele oder Orte nennt, an denen man unbedingt gewesen sein sollte. Und es gibt solche Orte, ganz in der Nähe – zwei von ihnen entdeckten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Erinnerungswerkstatt in Romrod im Rahmen ihres Sommerausflugs.
Die Erinnerungs-Werkstatt ist ein ehrenamtliches Angebot des Fördervereins Sozialstation Romrod. Alle zwei Wochen treffen sich ältere Menschen in der Begegnungsstätte von Haus Schlossblick in Romrod. Erinnerungen werden genauso intensiv ausgetauscht wie Neuigkeiten aus dem Ort. Es wird mit viel Spaß und Unterhaltung aktives Gehirnjogging betrieben, gespielt, gesungen und – wie könnte es anders sein – bei selbst gebackenen Kuchen Kaffee getrunken. Organisiert von einem Team ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer finden diese Treffen während der Sommerzeit jeweils von 15 bis 17 Uhr und in der Winterzeit von 14 bis 16 Uhr statt.
„Salzekuchen wie früher“ im Backhaus Eifa
Ideal für einen Ausflug mit älteren Damen und Herren sind moderate Temperaturen und Ziele, die nicht allzu weit entfernt sind. Gerne wird auch noch eine kleine Erfrischung oder ein Imbiss genommen. Diese Kriterien brachte eine kleine Gruppe von zehn Seniorinnen und Senioren gemeinsam mit den ehrenamtlichen Kräften zunächst nach Eifa ans Backhaus. Der Bürgerbus aus Romrod, am Steuer Wolfgang Stein, und der Kombi von Birgit Richtberg brachten die Ausflügler samt Rollatoren und Gehhilfen sicher ans Ziel.

Angemeldet für 11 Uhr traf die Gruppe frühzeitig in Eifa ein. Und man glaubt es kaum, es war schon der Bär los – auf dem Parkplatz und am Backhaus. Bestellte Brote und Salzekuchen wurden abgeholt, Radler und Wanderer suchten Sitzplätze und bekamen leckeren Salzekuchen und Bohnenkaffee serviert – so wie früher. „De Salsekuche schmeckt wie aus em Backhaus“, stellten die kundigen Seniorinnen anerkennend fest. Dieses Lob freut die Ehrenamtlichen des Obst- und Gartenbauvereins Eifa.
Der langjährige Vorsitzende, Kurt Schlorke, steht an der Spitze des Teams. Schon zwei Tage vor dem eigentlichen Backtermin ist er unterwegs, um einzukaufen. Am nächsten Tag werden die Kartoffeln und Teige vorbereitet, damit am Donnerstag ab vier Uhr eingeheizt werden kann. Der Backtag hat begonnen! Bis zu 30 Bleche Salzekuchen und unzählige Brote werden gebacken und finden reißenden Absatz. Trotz allen Trubels am Backhaus fühlen sich alle Gäste sehr wohl, denn sie werden unkompliziert, umsichtig und immer freundlich versorgt. Die Gespräche gehen zwischen den Gästen hin und her, und manchmal trifft man sogar alte Bekannte: „Da ist doch der Jürgen, den habe ich schon so lange nicht mehr gesehen!“ So ist das Backhaus in Eifa einmal im Monat ein absolutes Muss für alle die Freude an netten Begegnungen, gutem Brot und frischem Salzekuchen haben!
Bewegte Geschichte: die Gedenkstätte und das Museum Trutzhain
Gut gestärkt ging die Reise weiter nach Trutzhain. Trutzhain ist heute ein Ort, der zur Gemeinde Schwalmstadt gehört. Er ist mit Gründungsdatum 1. April 1951 einer der jüngsten Orte in Hessen.
Zwischen 1939 und 1945 befand sich dort das größte Kriegsgefangenenlager in Hessen, STALAG IX in Ziegenhain. Dort wurden Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationen interniert. Die überwiegende Zahl dieser Menschen musste außerhalb des Lagers in sogenannten Arbeitskommandos Zwangsarbeit leisten, in der Industrie und auch in der Landwirtschaft. Besonders schlecht ging es denjenigen, die nicht des Status von Kriegsgefangenen hatten und somit unter dem Schutz der Genfer Konvention standen. Das waren insbesondere die sowjetischen und die italienischen Gefangenen, die dort ab 1941 unter mehr als unmenschlichen Bedingungen zu leiden hatten.
Zwischen 1945 und 1946 diente das Lager als Civil Internment Camp der US-Army. Dort wurden ehemalige Mitglieder der Waffen SS, NSDAP, SA, SS und Wehrmachtssoldaten interniert. In den Jahren nach 1946 wurde das Lager zum Zufluchtsort vieler osteuropäischer, insbesondere polnischer Juden, die unter Pogromen zu leiden hatten und in der amerikanisch besetzten Zone Zuflucht fanden. Sie warteten dort auf ihre Ausreise nach Palästina und andere Länder.
Etwa zwölf Millionen Menschen wurden nach dem zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Ostrepubliken und dem Sudetenland vertrieben. Der Landkreis Ziegenhain pachtete das Gelände des ehemaligen STALAG IX Ziegenhain an, und es entwickelte sich dort ab 1948 ein florierender Handwerks- und Gewerbestandort. Jeder, der ein Handwerk oder ein Gewerbe aus der alten Heimat mitbrachte, konnte sich dort unter günstigen Bedingungen ansiedeln. So entstand die selbständige Gemeinde Trutzhain.
Dieser Teil des Ausflugs weckte ganz besondere Erinnerungen, die sich wie ein Puzzlestück einfügten. „So vieles hat man nicht gewusst…“. Dennoch erinnern sich einige aus ihrer Kindheit: „Die Gebäude des Reichsarbeitsdienstes bei Zell sahen ganz genauso aus wie die hier“.
Eine beeindruckende Geschichte, von der nur wenige wissen. Sie zeigt, wie viele Facetten das Wesen hat, das sich Mensch nennt und wie unwürdig es zuzeiten wütet. Aber auch, dass Gutes entsteht, wenn Menschen sich als Menschen begegnen, so wie Gott sie gemeint hat. Am Ende fand die Gruppe der ausgeflogenen Seniorinnen und Senioren der Erinnerungs-Werkstatt, trotz einiger Verirrungen durch die vielen Verkehrsumleitungen, wieder zurück nach Romrod – mit einer wichtigen Botschaft: „Seid Menschen!“ (Margot Friedländer).
