Skip to content Skip to main navigation Skip to footer

Als Böhmen nach Romrod kam: Heimatvertriebene erinnerten sich an den 19. Mai 1946

Von Horst Blaschko

Am 19. Mai 1946 – und auch noch später – traf eine große Zahl zwangsausgesiedelter, heimatvertriebener Menschen aus dem Sudetenland in Romrod ein. Im Jahre 1950 waren von den ca. 1.300 Einwohnern Romrods 321 Heimatvertriebene (Quelle: Heimatbuch Romrod, S. 201). Auf Anregung aus dem Kreis der noch lebenden Betroffenen nahm der Heimat- und Kulturverein Romrod dies zum Anlass, diese mit Begleitperson zu einer Erinnerungsveranstaltung einzuladen. Es sollte allen noch lebenden Heimatvertriebenen im Rahmen eines gemütlichen Beisammenseins die Möglichkeit geben werden, sich wieder einmal zu treffen, Erinnerungen auszutauschen und auch gemeinsam Kraft für die kommende Zeit zu finden.

Kontakte hielten über Jahrzehnte

Dieses Treffen fand am Samstag vergangener Woche, 3. Oktober, im Bürgerhaus statt. Da viele Betroffene hochbetagt sind und oftmals weite Wege hätten zurücklegen müssen, hatte sich nur eine kleine Zahl von Menschen angemeldet. Deshalb wurden ehemalige Schulkameradinnen und Weggefährten aus Romrod dazu geladen. Der Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins, Horst Blaschko, dessen Familie väterlicherseits selbst aus dem Böhmerwald stammt, konnte eine kleine, aber feine Schar von Gästen begrüßen. Bereits beim Eintreffen gab es ein großes Hallo und Wiedererkennen. Viele hatten aber auch über die Jahrzehnte Kontakt gehalten und sich schon öfters mit Bekannten in Romrod getroffen.

Gruselgeschichten im Schloss

Es ergaben sich sehr interessante Gespräche, und viele Begebenheiten und Anekdoten aus der gemeinsamen Romröder Zeit wurden zum Besten gegeben. So auch über Justine Blaschko aus Winterberg, die von einem leider schon verstorbenen Sudetendeutschen, Emil Schuster, in humorvoller Art und Weise gewürdigt worden ist. Er hat vor vielen Jahren auf einem Tonträger mit dem Titel „Wous hob i mi do gfiacht“ (Was habe ich mich da gefürchtet) darüber berichtet, wie die „Blaschko Justi“ den Kindern im Schloss Gruselgeschichten aus der sudetendeutschen Heimat erzählt hat und die Kinder dann, wenn es schon dunkel war, mit Furcht und pochendem Herzen – Straßenlampen haben in Romrod noch nicht gebrannt – nach Hause gingen.

Für Heimatvertriebene waren weniger Eier und Butter im Kuchen

Aber auch über die weniger schönen Erlebnisse wurde berichtet, z.B. dass die Einheimischen bei Festen zwei Arten von Kuchen vorbereiteten. Da es Usus war, denjenigen, die ein frohes Fest wünschten, ein Stück Kuchen als Wegzehrung mitzugeben, gab es für die sudetendeutschen Neubürger oftmals den Kuchen mit weniger Eiern und Butter. Immerhin, eine totale Verweigerung der Gabe war eher selten. Das es irgendwie weiterging, hat ein ehemals als Kind einer sudetendeutschen Familie nach Romrod gekommener Bekannter, der spätere Journalist und Buchautor Gernot Facius, vor einigen Jahren sinngemäß so beschrieben.

Böhmische Spuren verschwanden im Laufe der Zeit

Auch wenn das Zusammenleben auf engstem Raum nicht immer einfach war, musste man sich in Erwartung besserer Zeiten irgendwie zusammenraufen und die Zähne zusammenbeißen. Das galt in der jungen Republik generell, auch in Romrod. Gravierende sozialstrukturelle Unterschiede mit ihren Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse und das Miteinanderumgehen änderten sich nur allmählich. Auch die Abwanderung vieler „Neubürger“ aus dem Vogelsberg beförderte die Tendenz zur kulturellen und sprachlichen Einbürgerung. Mit der Zeit verschwanden viele Dialekte und Idiome der „Neubürger“. Mit dem Versterben derjenigen, für die solche Kulturtechniken noch integraler Bestandteil ihrer Sozialisation war, verwehten auch die böhmischen Spuren im Vogelsberg. Sein Fazit: „Es ist nicht viel übriggeblieben vom kleinen Böhmen im Vogelsberg“.

Auch deshalb war das diesjährige Erinnerungstreffen wichtig. Noch viele Kuriositäten und Erlebnisse wurden erinnert. Bei belegten Broten, Salzekuchen und Süßem verging der gemeinsame Nachmittag wie im Fluge. Und es wurde der Wunsch geäußert, ein solches Treffen im nächsten Jahr zu wiederholen. Insgesamt eine sehr schöne und beschwingte Zusammenkunft zur Erinnerung an die mittlerweile 80jährige gemeinsame Geschichte.

Ortsansicht Romrod in den 1950er Jahren (Quelle: Gruss-aus-Romrod.de)
Romrod vor etwa 75 Jahren: 1950 waren von den ca. 1.300 Einwohnern Romrods 321 Heimatvertriebene.
Back to top