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Stadt Romrod Vogelsbergkreis

19.07.2021

91,9 Prozent zu schnell unterwegs

Gefahrensituationen und Lärm in Zeller Straße/Verkehrszählung bestätigt, was Eltern und Anwohner beklagen

ROMROD (pm). Wenn Katharina Kornmann ihre Tochter mit dem Fahrrad von Zell nach Romrod in den Kindergarten bringt, hat sie „jedes Mal ein bisschen Angst“, sagt sie. Denn wenn die beiden vom Fahrradweg in Höhe des Sportplatzes kommen, nach rechts abbiegen, die Straße überqueren, um zum Kindergarten zu gelangen, „gab es schon so manche brenzlige Situation“, sagt die 41-Jährige. Der Grund: Nur sehr wenige halten sich an das Tempolimit. Erlaubt sind in diesem Abschnitt, vom Ortseingang Romrod bis nach vorne hin zum Haus Schlossblick, nur 30 km/h. „Ich habe aber auch schon 67 km/h auf der Anzeige gesehen“, sagt Lisa-Marie Börner. Sie wohnt direkt an der Zeller Straße, blickt von ihrem Balkon aus auf die elektrische Tempo-Anzeigetafel, die auf Höhe der Kindergarteneinfahrt steht und erlebt täglich, wie „Autos und LKW angedonnert kommen und nicht bremsen“. „Bei uns wackeln manchmal richtig die Wände, zudem ist es sehr laut“, beklagt die 33-Jährige. Eine aktuelle Verkehrszählung des Vogelsbergkreises bestätigt nun, worüber Eltern und Anwohner schon lange klagen.

Um über das Problem zu sprechen und gemeinsam über Lösungsvorschläge nachzudenken, haben sich jetzt einige Eltern und Anwohner sowie Natascha Metzler, Leiterin des Romröder Kindergartens, mit Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg getroffen. Auch die Rathauschefin wohnt und arbeitet in der Zeller Straße, erlebt diese Problematik also selbst tagtäglich. „Wenn wir Besprechungen haben im Rathaus und die Fenster offen sind, versteht man kein Wort, wenn ein LKW vorbeifährt. Leider sind uns da aber teilweise die Hände gebunden“, erklärt sie. Denn die Zeller Straße ist eine Landesstraße. Das heißt, „verschiedene Maßnahmen sind hier mit einem hohen bürokratischem Aufwand verbunden, denn sie müssen von HessenMobil entschieden werden.“ Beispielsweise wolle die Stadt Romrod schon seit längerem in dieser Tempolimit-Zone eine große „30“ auf die Straße schreiben, sagt Richtberg. „Doch das wird von HessenMobil nicht befürwortet und wir können es als Gemeinde nicht veranlassen, weil uns die Straße nicht gehört, eben weil es eine Landesstraße ist.“

Auch der Blitzer, mit dem die Stadt Romrod auf Höhe des Kindergartens verstärkt kontrollieren wollte, ist keine Option mehr. „Das Innenministerium hat die Nutzung dieses Messsystems, ‚Leivtec‘ genannt, untersagt, da es der Meinung ist, die Messgenauigkeit sei nicht gegeben“, erklärt die Bürgermeisterin. Und ein festinstallierter Blitzer? „Dafür muss man beweisen, dass eine erhebliche Lärmbelästigung vorliegt.“ Dies dürfte kein Problem sein, denn vor allem durch die aktuelle Baustelle in der Schellengasse in Alsfeld und die noch folgende in Angenrod fließt sehr viel Verkehr durch Romrod. Dies belegt auch eine aktuelle Verkehrszählung der Straßenverkehrsbehörde des Vogelsbergkreises, die in der Zeit von 15. bis 29. Juni in der Zeller Straße (L 3070) in der Ortsdurchfahrt Romrod stattgefunden hat.

In Richtung Zell-Romrod wurden demnach im angegebenen Zeitraum insgesamt 24.150 Fahrzeuge gezählt, teilt der Vogelsbergkreis auf Nachfrage mit. In der Gegenrichtung waren es 20.962 – insgesamt also 45.112 Fahrzeuge. Im Durchschnitt sind das 3.222 Fahrzeuge pro Tag, 1.725 aus Richtung Zell nach Romrod sowie 1.497 in der Gegenrichtung. Die erhobenen Daten „wurden auch dahingehend analysiert, wie hoch der LKW-Anteil am Verkehrsaufkommen ist“, erklärt Christian Lips, Redakteur in der Pressestelle des Vogelsbergkreises.

Die Klassifizierung „LKW“ beinhalte dabei alle Fahrzeuge, die eindeutig den LKW-Klassen zuzuordnen seien. Das bedeutet Fahrzeuge ab 7,5 Meter Länge – inklusive der entsprechenden landwirtschaftlichen Fahrzeuge. Diese Zählung ergab 3.079 Fahrzeuge in Richtung Zell-Romrod und 2.535 Fahrzeuge in die entgegengesetzte Richtung - insgesamt also 5.614 Fahrzeuge. Durchschnittlich sind das pro Tag 220 Fahrzeuge in Richtung Zell-Romrod und 181 Fahrzeuge, die in gegensätzlicher Richtung unterwegs sind. Insgesamt wurden 401 Fahrzeuge der LKW-Klassifizierung als Tagesdurchschnitt errechnet.

Gemessen an der Gesamtzahl des Verkehrsaufkommens, liegt der LKW-Anteil bei 12,5 Prozent. „Auffällig ist, dass 85 Prozent der Fahrzeuge die Ortsdurchfahrt mit durchschnittlich 53 km/h befahren. Im Schnitt überschreiten 91,9 Prozent aller Fahrzeuge die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h“, bestätigt Lips, was auch Eltern und Anwohner in Romrod schon lange bemerken und beklagen.

Bei den LKW befuhren 85 Prozent der Fahrzeuge die Ortsdurchfahrt mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 50 km/h. Die Messung ergab außerdem, dass 87,9 Prozent aller Fahrzeuge in der LKW-Klasse die erlaubte Geschwindigkeitsbeschränkung überschreiten. „Das bedeutet, dass die geltende Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h überwiegend nicht eingehalten wird und zur Durchsetzung dieser Geschwindigkeit Verkehrsüberwachungsmaßnahmen durch die örtliche Ordnungsbehörde sowie die Polizei erforderlich sind“, sagt Christian Lips. Die Daten der Verkehrserhebung seien daher auch der Polizei übermittelt worden.

Daten, die auch Kindergartenleiterin Natascha Metzler nicht wirklich überraschen. Auch sie klagt über den Lärm und den Verkehr vor dem Kindergarten und hält vor allem die Bring- und Abholsituationen „für sehr gefährlich“, vor allem wenn man dafür zunächst die Straße überqueren müsse. „Kaum jemand von den Auto- und LKW-Fahrern nimmt wahr, dass hier ein Kindergarten ist. Das ist sehr schade, denn den Eltern, die umweltbewusst sein wollen und ihre Kinder mit dem Fahrrad bringen, ist das teilweise einfach zu unsicher. Eigentlich dürfte in dieser Zeit hier am besten nur Schritttempo gefahren werden“, sagt Metzler.

Die Stadt Romrod möchte auf jeden Fall weitere Optionen unter die Lupe nehmen, um eine Minderung von Gefahrensituationen und Lärm zu erreichen. „Wenn die Zeller Straße im nächsten Jahr erneuert wird, wollen wir zum Beispiel Bordsteine an Übergängen absenken und farbig machen. Zudem sind wir am überlegen, ob die Parkbucht gegenüber des Bürgerhauses wegfallen kann. So könnten wir einen kombinierten Fuß- und Radweg bis zum Kindergarten machen“, erklärt Richtberg. Kindergartenmitarbeiterinnen könnten dann beispielsweise stattdessen am Sportplatz parken. Eine Idee, die auch Metzler begrüßen würde. „Wenn man dort in der Parkbucht nicht mehr parken würde, könnte man auch besser die Straße überqueren, weil mehr Platz und bessere Sicht auf die Straße ist“, sagt sie. Ein richtiger Zebrastreifen sei jedoch an dieser Stelle „leider nicht machbar“, sagt Richtberg. „Wegen der vielen Einfahrten und Parkbuchten sind die notwendigen Abstände nicht einzuhalten – wieder eine Vorschrift.“

Bis die geplanten Maßnahmen der Stadt Romrod umgesetzt werden, dauert es jedoch noch ein wenig. Bis dahin hoffen Eltern und Anwohner wie Katharina Kornmann und Lisa-Marie Börner jedenfalls, dass „durch diesen Bericht ein paar Leute aufmerksamer werden und sich künftig an die Geschwindigkeit halten, wenn sie das nächste Mal durch die Zeller Straße und am Kindergarten vorbei fahren.“

Text und Fotos: Patricia Luft