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Stadt Romrod Vogelsbergkreis

25.06.2020

Aus Romrod in die Welt: ein junger Zeller geht auf die Walz

Als uralter Brauch gehört die Walz zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Aber was ist das eigentlich?

Auf die Wanderschaft, auch Walz genannt, begibt sich ein „zünftiger Geselle“ nach Abschluss seiner Lehrzeit als Zimmermann für ganze drei Jahre und einen Tag. Wenn er losgeht hat er fünf Euro und wenn er wiederkehrt, darf er auch nur mit fünf Euro zurückkommen. Er darf höchstens 30 Jahre alt, muss kinderlos und schuldenfrei sein. Auf diesen Weg hat sich ein junger Mann aus Zell begeben und sprach dazu im Rathaus seiner Heimatgemeinde Romrod vor, um sich den ersten Stempel für sein Wanderbuch zu holen.

In der Zeit seiner Wanderung begeht er im ersten Jahr Deutschland, im zweiten Jahr Europa und im dritten Jahr die Welt und in der Regel darf er seinem Heimatort nicht näher kommen als 50 km. Während der Wanderschaft wird er als „Fremdgeschriebener“ oder auch“ Fremder“ bezeichnet. Er lernt in dieser Zeit neue Arbeitspraktiken kennen, fremde Länder, neue Menschen und Gebräuche und kann viele Erfahrungen sammeln. Diese Reise durch Land und Landschaft, ohne Fahrzeug, mit wenig Geld ist nicht planbar. Sie verändert die Sichtweise: vom durchorganisierten modernen und medienbeherrschten Leben hin zu einem Brauch, den es seit Jahrhunderten gibt und der einen festen Ehrenkodex hat: Ehrbarkeit, Aufrichtigkeit, Achtung vor der Ehre der Mitmenschen und Gewaltlosigkeit.

Auch in jedem anderen Ort den er besucht, wird der Geselle auf Wanderschaft im Rathaus „zünftig“ vorsprechen und um einen Stempel für das Reisetagebuch und ein kleines Wegegeld bitten.

So begab es sich auch in Romrod. Es trafen sich insgesamt 20 Wandergesellen, darunter zwei Gesellinnen und ein Hund, um den „Neuen“ in die Welt hinauszuschicken. Auf diesem Weg begleitet ihn in den ersten drei Monaten der Altgeselle, der ihm alles beibringt, was er für seine Wanderschaft wissen muss.

Bürgermeisterin Dr. Richtberg freute sich über den ungewöhnlichen Besuch und zollte den Reisenden ihren Respekt für das Abenteuer auf das sie sich begeben und für die Bewahrung des alten Brauches. Unter Beachtung der Vorsichtsmaßgaben auf Grund von Corona erhielten alle Wanderbücher einen Eintrag mit dem Romröder Stadtsiegel und Unterschrift.  Dafür bedankte und verabschiedete sich der Altgeselle für die ganze Gruppe zünftig „nach altem Brauch und Sitte“. Für den jungen Wandergesellen aus Zell gab es noch Segenswünsche für den Weg: „Mögest Du behütet sein, auf allen Deinen Wegen – bei Sonne, Wind und Regen und gesund und reich an Erfahrung hierher zurückkehren“.