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Großherzog Ernst Ludwig und seine Familie

Nach dem unerwarteten frühen Tod Ludwigs IV. im Jahre 1892 kam sein einziger Sohn Ernst Ludwig mit fast 24 Jahren an die Regierung. Er war der letzte hessische Großherzog. Der Anordnung seines Vaters Rechnung tragend, ließ er auf den Kanzleibau des Romröder Schlosses in den Jahren 1894/95 ein fünftes Stockwerk errichten und die Zimmer seiner Schwestern im Neubau schöner und komfortabler einrichten.

So kamen die Schwestern auch nach ihrer Verheiratung mit ihren Ehegatten gerne nach Romrod. Das Jagdschloß hatte oft hohen Besuch. Die Zarenfamilie, Großherzog Sergius mit Gattin sowie Prinz Heinrich v. Preußen mit seiner Frau Prinzessin Irene zählten dazu.

Im Jahre 1896 kaufte der Großherzog die an das Schloß angrenzenden Häuser auf und ließ sie abbrechen, um den heute noch bestehenden schönen Park anzulegen. Großherzog Ernst Ludwig v. Hessen und bei Rhein heiratete am 19. April 1894 auf Wunsch seiner Großmutter, der Königin Viktoria v. England, deren Enkelin Viktoria Melitta von Coburg. Aus dieser Ehe entstammte Tochter Elisabeth, von den Hessen liebevoll Prinzeßchen genannt. Geboren am 11. März 1895, verstarb sie am 16. November 1903 in Skirnewicz während eines Besuches mit ihrem Vater in Rußland. Nach knapp sieben Jahren wurde diese Ehe 1901 geschieden. Sie scheiterte wohl daran, daß Melitta sich nicht in die von ihr als Landesmutter erwarteten Aufgaben schicken konnte.

Am 2. Februar 1905 heiratete Ernst Ludwig Eleonore, Tochter des Fürsten Hermann zu Solms-Hohensolms-Lich und der Fürstin Agnes geb. Gräfin Stollberg- Wernigerode. In ihr erhielt das Hessenland die vorbildliche Landesmutter, die neben der Fortführung der von ihrer Schwiegermutter Alice begonnenen karitativen Aufgaben auch ihrerseits neue Akzente in Darmstadt und darüber hinaus setzte.

Diesmal führte die Hochzeitsreise nach Schloß Romrod. Am späten Abend des 2. Februar 1905 traf das Paar am Bahnhof Zell- Romrod ein. Schon Stunden vorher umsäumte die Bevölkerung Bahnhof und Straße von Zell nach Romrod. Vor Romrod, auf der Anfahrtstraße, hatten die Kriegervereine der umliegenden Dörfer unter dem Kommando des späteren Ökonomierats Karl Linn, Romrod, Aufstellung genommen. Jäger und Forstleute, die traditionsgemäß ihren obersten Jagdherrn und Landesfürsten einholten, standen an der Spitze des Zuges, ebenso befanden sich in vorderster Empfangsfront Bürgermeister und Stadträte Romrods. Das Paar wurde dann nach seiner Ankunft jubelnd und freudig begrüßt. Am anderen Tag brachten die Schulen der Umgegend im Schloßhof zu Ehren des Hochzeitspaares ihre Ständchen. Aus dieser zweiten Ehe gingen zwei Söhne hervor. Am 8. 11. 1906 wurde dem Ehepaar das erste Kind, Erbprinz Georg Donatus, und am 21. 11. 1908 der Prinz und spätere Erbprinz Ludwig geboren.

Im Jahre 1910 besuchte der Zar von Rußland mit seiner Familie anläßlich eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim Romrod. Der Zarin standen Tränen der Freude in den Augen, als sie ihr Zimmer im Schloß betrat. Ihr Vater, Ludwig IV., hatte beim Wiederaufbau 1879 angeordnet, daß jedes seiner Kinder im Schloß ein Zimmer haben sollte, und Ernst Ludwig, sein Sohn, war diesem Vermächrnis nachgekommen. Es waren dies wohl die glücklichsten Stunden, die die gesamte Familie in Romrod verlebte, denn schon vier Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus. In diesem Krieg war Großherzog Ernst Ludwig General im Führungsstab XVIII A.K., dem die hessischen Regimenter angehörten.

Er hielt sich in dieser Kriegszeit mit seiner Familie oft in Romrod auf, denn er hatte einen großen Teil seiner Kunstschätze nach Schloß Romrod bringen lassen. Es lag abseits der großen Heerstraßen in einer verhältnismäßig dünn besiedelten, rein bäuerlichen Gegend, die keine Revolutionäre kannte. Alle Zimmer des Schlosses waren damals gefüllt mit antiken Möbeln und kunstvollen Einrichtungen. Abgestimmt auf Zimmer und Möbel waren die wertvollen Erzeugnisse der Porzellan-, Ton- und Glasindustrie, die der Großherzog auf seinen Weltreisen, insbesondere nach Italien und Indien, mit großem Geschmack und Kunstverständnis gesammelt hatte. An den Wänden hingen Bilder, deren Wert in die Millionen ging. Wertvolle Teppiche aus Kleinasien bildeten den Bodenbelag. Im Rittersaal hingen die vielen Jagdtrophäen und Kupferstiche aus dem Jägertal, das zu Zeiten des leidenschaftlichen Jägers Landgraf Ludwig VIII. für unsere Gegend von Bedeutung war.

Nach Beendigung dieses Krieges wurde der Großherzog während der Revolution

am 9. November 1918 von den Arbeiter- und Soldatenräten abgesetzt und das Großherzogtum Hessen zur Republik erklärt. Alle Sonderrechte der Geburt und des Standes wurden beseitigt, und die großherzoglichen Domänen fielen an den Staat. Diese Bestimmungen bedeuteten für Romrod den Wegfall der Hofjagd, die eine nach Tausenden zählende Morgenzahl von Feld- und Waldjagden umfaßte. Das war auch das Ende des Romröder Jagdschlosses.

Großherzog Ernst Ludwig war der einzige ehemals regierende Fürst, der keine Abdankungsurkunde unterschrieb und auf seine Rechte freiwillig nicht verzichtete.

Bei der Abfindung wurde ihm unter anderem das Jagdschloß in Romrod bis zu seinem Lebensende 1937 belassen. Nach seinem Tode ging es in den Besitz des hessischen Staates über. Er besuchte das Jagdschloß nur noch selten; umso lieber kamen die beiden Söhne des Großherzogs, Erbprinz Georg Donatus und Prinz Ludwig, nach Romrod, denn sie waren mit den Kindern Romrods ohne Zwang und Etikette aufgewachsen. Sie fischten mit ihnen in der Antrift, obwohl es verboten war und verschmähten es nicht, mit ihnen in Häuser zu gehen, wo die Dreschmaschine brummte oder in denen im Winter geschlachtet wurde. Die großzügige Erziehung der Prinzen durch ihre Eltern zeigt, daß diese ohne jegliche Prüderie und Standesdünkel waren.

Vieles ist den älteren Einwohnern Romrods noch in lebendiger Erinnerung. So wurde beispielsweise Heinrich Bing mit dem Erbgroßherzog Georg zusammen konfirmiert und weiß von einer interessanten Begebenheit zu berichten:

"In Romrod ging damals das Gerücht um, daß jeder Junge ein Fahrrad und jedes Mädchen eine Nähmaschine als Konfirmationsgeschenk vom Großherzog erhalten sollte. Tatsächlich wurden wir auch nach dem Kirchgang zum Empfangen von Geschenken in den Schloßhof geführt. In froher Erwartung unserer Geschenke hörten wir mit strahlenden Gesichtern der Ansprache des Großherzogs zu. Doch wie waren wir bitter enttäuscht, als Mädchen mit Waschkörben kamen und uns statt der erhofften Fahrräder und Nähmaschinen das Neue Testament überreichten."

Erbgroßherzog Georg Donatus, Soldat, Jäger und Sportsmann, ist der Typ eines Mannes ohne Standesdünkel geblieben. Er studierte Volkswirtschaft an der Universität in Gießen und erwarb den Doktorgrad.

Er war Leutnant der Reserve bei der Luftwaffe, vorübergehend auch einfacher Arbeiter bei den Opelwerken. Am 2. Februar 1931 heiratete er Prinzessin Cäcilie aus dem griechischen Königshaus, die eine Schwester des Prinzgemahls Philipp von England war.

Das Paar hatte drei Kinder, den am 25. 10. 1931 geborenen Prinzen Ludwig, den am 14. 4. 1933 geborenen Prinzen Alexander und die am 20. 9. 1936 geborene Prinzessin Johanna. Prinzessin Cäcilie war mit ihrem Manne, mit dem sie noch verwandt war, und ihren beiden Buben gerne und oft in Romrod. Hier unter den einfachen, natürlichen Landleuten, inmitten einer waldreichen, landschaftlich schönen Gegend, fühlte sie sich am wohlsten. Auch ihr Bruder, Prinzgemahl Philipp, der Mann der Königin Elisabeth von England, war als junger Student mit seinem Schwager oft in Romrod.

Das Jahr 1937 sollte zum Schicksalsjahr für das hessische Fürstenhaus werden. Am Morgen des 9. Oktober starb Ernst Ludwig, der letzte hessische Großherzog, im Alter von 69 Jahren eines sanften Todes.

Die Hochzeit des jüngsten Großherzogsohnes Ludwig mit der Engländerin Margaret Campbell Geddes mußte wegen des Trauerfalls durch den Tod des Großherzoges verschoben werden. Am 16. November 1937, dem Schicksalsmonat des fürstlichen Hauses, flogen die Gemahlin des verstorbenen Großherzogs, Eleonore, Erbgroßherzog Georg Donatus, seine Gemahlin Prinzessin Cäcilie, ihre beiden Kinder Prinz Ludwig und Prinz Alexander, Schwester Lina Hahn, die Betreuerin der Kinder, Freiherr Joachim von Riedesel und der Segelflieger Mertens vom Flugplatz Frankfurt a. M. ab, um der Hochzeit des Prinzen Ludwig in England beizuwohnen.

Die dreimotorige belgische Maschine hob um 13.45 Uhr auf dem Frankfurter Flughafen ab, um zunächst eine Zwischenlandung in Brüssel einzulegen. Starker Bodennebel über Brüssel machte dies aber unmöglich, und die Maschine flog weiter bis Ostende. Hier wollte man noch zwei Passagiere aufnehmen.

Leuchtzeichen waren wegen des starken Nebels, der auch bei Ostende herrschte, kaum zu sehen. In der Nähe des Flugplatzes Steene bei Ostende stieß das Flugzeug gegen einen Fabrikschornstein. Die Maschine explodierte und stürzte brennend zu Boden. Eine Rettung war unmöglich, obwohl Feuerwehr und Fabrikarbeiter sofort zur Stelle waren. Sämtliche Insassen und die dreiköpfige Besatzung kamen ums Leben. Vergeblich wartete das Hochzeitspaar auf dem englischen Flugplatz Croyden. Es war wohl die schwerste Stunde des jungen Paares, die ihnen die Mutter, den einzigen Bruder und Schwager, dessen Frau, die beiden Neffen, ihre Betreuerin und die treuen Freunde nahm. Prinz Ludwig ließ sich standesamtlich trauen, verzichtete auf alle Hochzeitsfeierlichkeiten und reiste sofort nach Ostende. Drei Tage nach dem Unglücksfall trafen in der Nacht die Särge der Verunglückten im Hauptbahnhof Darmstadt ein.

Im Fürstensaal erfolgte die vorläufige Aufbahrung. Dann, es war an einem regen- verhangenen Novembertag, bewegte sich der Trauerzug durch die Straßen Darmstadts zur Rosenhöhe. Tausende von Kindern und Erwachsenen standen in tiefer Ergriffenheit an den Straßen, durch die der Trauerzug kam.

Im Mausoleum stand noch der Sarg des im Oktober verstorbenen Großherzogs, dem 40 Tage später fast seine ganze Familie folgte: Nur Prinz Ludwig, der jüngste Sohn des Großherzogs und die ein Jahr alte Prinzessin Johanna, Töchterchen des verunglückten Erbgroßherzogs und seiner Frau, waren noch am Leben.

Prinz Ludwig adoptierte dieses Kind. Infolge einer Krankheit starb es aber bereits am 14. Juni 1939 und folgte seinen Eltern in die Ewigkeit.

Letzter Sproß des Hessen-Darmstädter- Fürstenhauses blieb Prinz Ludwig, der mit seiner Gemahlin auf Schloß Wolfsgarten bei Langen wohnte. Da die Ehe kinderlos blieb, adoptierte das Paar den Prinzen Moritz von Hessen (-Kassel). Als Prinz Ludwig am 30. Mai 1968 starb, war das Fürstengeschlecht, das jahrhundertelang die Geschichte Hessen-Darmstadts bestimmt hatte, erloschen.

Ein Jahr nach dem Tode des Großherzogs Ernst Ludwig ging das Romröder Jagdschloß in den Besitz des hessischen Staates über. Das wertvollste Inventar wurde in mehreren Transporten mit Möbelwagen nach Schloß Kranichstein bei Darmstadt gefahren. Die weniger wertvollen Gegenstände wie beispielsweise das Mobiliar des Dienstpersonals wurden versteigert.

(aus: Magistrat der Stadt Romrod (Hrsg.): Heimatbuch Romrod. Alsfeld 1997. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren. Herzlichen Dank dafür!

Die ausgestellten Bilder stammen aus der privaten Sammlung von Herrn Willi Rau, der dem Verein ein entsprechendes Album freundlicherweise zur Verfügung stellte und dem an dieser Stelle Dank gesagt werden soll.

Die Ausstellung wurde vorbereitet vom Arbeitskreis „Kunst- und Kultur“ des Heimat- und Kulturvereines Romrod. Auch diesem Arbeitskreis soll hier gedankt werden.)

Der Heimat- und Kulturverein Romrod wurde im Herbst 2004 gegründet und besteht aus engagierten Romröder Bürgerinnen und Bürgern, die sich um die Förderung kulturellen Lebens bemühen. Bislang konnten schon sehr erfolgreiche kleine Veranstaltungen durchgeführt werden, z.B. eine Lesung im Kulturhaus ehem. Synagoge Romrod, welchen noch viele solche Ereignisse folgen sollen.

Diese Ausstellung ist die erste in dieser Form, welche vom Verein und an diesem Ort durchgeführt wird.

Für Rückmeldungen und Anregungen sind wir offen und dankbar. Ebenso würden wir uns über weitere engagierte Mitglieder freuen, die mit ihren Ideen das kulturelle Leben in Romrod bereichern möchten.


Kontakt zum Verein:

Jochen Dietz, Hügelstraße 5-7, 36329 Romrod,

Tel.: 06636/1456 Fax: 06636/8487

E-Mail: Praxis-Dietz@t-online.de