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Stadt Romrod Vogelsbergkreis

Das Jägertal

Der Gedanke eines Jagdlagers aus festen Bauten wird im Großherzogtum Hessen-Darmstadt zum erstenmal im nahe bei Romrod gelegenen „Jägertal“ verwirklicht.
Es entstand 1721/1722 in einem breiten, von Wald begrenzten Wiesental westlich von Romrod und südlich des Dörfchens Zell. Der das Tal durchfließende Göhringer Bach (früher Gehringer Bach, nach einem untergegangenen Dörfchen benannt) scheidet heute noch Romröder und Zeller Gemarkung. Das Jägertal lag am linken Ufer auf Zeller Gemarkung. Zu dem Jagdlager, von dem heute nichts mehr vorhanden ist, gehörten 14 einzelne Bauten. Es werden Herrenhaus, Jägermeisterhaus, Pilgramshaus, Küchenbau, Börse, Silberkammer und Stall genannt, ferner Gebäude für Gefolge, Dienerschaft und Wirtschaft.

Die Front des Jagdhofes mit drei Pavillons, einem fünfachsigen Hauptbau in der Mitte und zwei quadratischen von je vier Fensterachsen auf jeder Seite, war nach Süden gerichtet mit dem Blick talaufwärts. Die nach Norden folgenden Pavillons waren in ihrer Anordnung noch auf die vorderen bezogen, alle übrigen Gebäude lagen im lockeren Verband darum gruppiert. Das größte Gebäude des Hofes war ebenfalls mit seiner Längsfront nach Süden gerichtet und hatte ein einfaches Satteldach, das an der Nordseite über einen, wohl zur Aufnahme von Remisen und Ställen dienenden Anbau tief heruntergezogen war. Es gilt als das Landgrafenhaus und zeigt auch im Erdgeschoss eine offene Einfahrt für Pferd und Wagen welches auf der oberen bildlichen Darstellung mit einer Wetterfahne geschmückt ist.

Vielleicht handelt es sich hier sogar um ein älteres Gebäude, das den Landgrafen schon früher zur Unterkunft und zur Wildbeobachtung gedient hat. Vom östlichen Waldrand her (im Bildvordergrund) konnte man auf zwei Wegen über Brücken in den Jagdhof gelangen.Über die obere führte die von Romrod herkommende Schneise, in deren Durchblick dann die südliche Reihe der repräsentativen Barockpavillons erschien. Der nördliche Brückenweg, der ungefähr auf das Landgrafenhaus zuführte, dürfte der ältere Weg von Romrod her gewesen sein.

Romrod gehörte seit 1385 den hessischen Landgrafen, die die dort bestehende Wasserburg weiter unterhielten. Da es an der Straße „durch die kurzen Hessen“ lag, war Romrod wirtschaftlich in einer günstigen Situation, blieb aber dafür in Kriegszeiten von durchziehenden Heeren und Einquartierungen nicht verschont. Noch größer als seine wirtschaftliche war die jagdliche Bedeutung für die hessischen Landgrafen. Seine ausgedehnten Waldgebiete (heute noch die größten zusammenhängenden Hessens) waren schon zur Zeit Philipps des Großmütigen berühmt wegen ihres guten Wildbestandes. Vor allem das Rotwild hielt sich in dem an Bachgründen, Teichen und Quellen reichen Gebiet ausgezeichnet. In älteren Zeiten scheint allerdings das Schwarzwild überwogen zu haben. Noch heute gibt es dort viele Waldteiche, die man, wenn sie nicht von Bächen gespeist werden, Himmelsaugen nennt.

Die Forstordnung Philipp des Großmütigen nennt nur zwei Oberförster, einen für Niederhessen und einen für Oberhessen. Letzterer hatte seinen Sitz in Romrod. Ludwig IV. von Marburg, an den Romrod nach dem Tode seines Vaters fiel, hielt dort häufig Jagden ab, an denen auch befreundete Fürsten oft teilnahmen. 1578 erlegte er dort 120 Hirsche, 1584 waren es 672 Wildschweine, 1587 „nur“ 200, die in sogenannten Hauptjagden erlegt wurden. Der häufige Jagdaufenthalt Ludwigs IV., wie auch die Sicherung von Siedlung und Burg, bewogen den Landgrafen zu einer umfassenden Erneuerung des Schlosses Romrod. Sie begann 1578, zur gleichen Zeit also, in der Ludwigs Bruder Georg bei Darmstadt Jagdschloss Kranichstein errichtete. Damals entstanden die heute noch vorhandenen Gebäude des Schlosses, das nach 1918 in den Besitz des Volksstaates Hessen überging.

Ein nach Fertigstellung des Schlosses angelegtes Inventar gibt eine Aufzählung aller in den einzelnen Zimmern als Schmuck angebrachten Hirschgeweihe und enthält interessante Angaben : in einem „Fürstengemach“ z.B. stand unter mehreren an den Wänden angebrachten Geweihen ein Hirschgeweih auf einem gemalten Stück Wild, im „dritten Fürstengemach über dem Frauenzimmer“ waren an den Wänden zehn Hirschgeweihe mit geschnitzten Köpfen und hessischen Wappen angebracht.

Auch in anderen Zimmern befanden sich Hirschgeweihe mit geschnitzten Köpfen und Wappen. Wenn dies in Romrod so selbstverständlich war, dann hat es Georg im gleichzeitig eingerichteten Schloss Kranichstein sicher ebenso gehalten.

Nachdem Romrod mit der Marburger Erbschaft 1604 an Hessen-Darmstadt gefallen war, und dort auch (im Gegensatz zu anderen oberhessischen Besitzungen) unangefochten blieb, diente das Schloss weiter als landgräflicher Jagdaufenthalt. Trotz der unruhigen Zeiten zogen auch während des 30-jährigen Krieges die Landgrafen zur Jagd dorthin. Georg II. hielt 1627 in Romrod ein Fürstenlager ab, ebenso 1641, welches sich dadurch auszeichnete, dass damals die fromme Gemahlin Georgs II., Sophie Eleonore, zwölf Hirsche erlegte.

1633 wurde der Wildbestand des Oberforsts Romrod auf 1.000 Stück geschätzt. Im Jahr davor gab es (zum Vergleich) in der Obergrafschaft 472 Stück Rotwild, darunter ein Vierundzwanzigender.

Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges fanden zwar wieder Jagdlager in Romrod statt, doch war der Wildbestand zunächst sehr dezimiert, die Wolfsplage dafür um so größer. 1657 wurden bei Romrod sieben Wölfe erlegt. 1669 zählte man 103 jagdbare Hirsche, 381 Stück Wild und 131 Kälber.

Da Ludwig IV. Romrod mehr zur Übernachtung auf der Durchreise als zum Jagdaufenthalt benutzte, erlangte es erst unter Ernst Ludwig wieder jagdliche Bedeutung.

Ernst Ludwig besuchte Romrod in den folgenden Jahren gelegentlich. Er ließ Reparaturen am Schloss vornehmen, das durch Vernachlässigung, Kriegszeiten und häufige Einquartierung stark gelitten hatte. Doch konnten die wenigen Ausbesserungen den allmählichen Verfall der Gebäude nicht aufhalten. Vielleicht schwebte den Landgrafen auch damals schon eine zeitgemäßere Unterkunft vor, als sie das Schloss bieten konnte, die er dann erst 1721/22 mit der Errichtung des Jägertals verwirklichte.

Während aus Ernst Ludwigs Zeit wenig eigentliche Jagdnachrichten überliefert sind, erfährt man um so mehr von den Jagdaufenthalten seines Sohnes Ludwig VIII., und sei es nur von seinen zahlreichen, in Wort , Bild und Trophäe festgehaltenen Hirschen, die er bei Romrod erlegte, und die in großer Anzahl noch in Kranichstein zu sehen sind. Fast alljährlich zog Ludwig VIII. mit großen Gefolge zur Brunftzeit ins Jägertal. Sein Weg führte ihn meist über Bingenheim bei Echzell und Zwiefalten in den Vogelsberg, die beide als Jagdstationen aufgesucht wurden. Im Jägertal hielt er sich gewöhnlich zwei bis drei Wochen auf, von Mitte September bis in den Oktober hinein, woran sich manchmal noch ein Aufenthalt in Battenberg, ebenfalls zur Rotwildjagd, anschloss.

Schon im ersten Jahr seiner Regentschaft hielt Ludwig VIII. an den genannten Orten große Fürstenlager ab. Bei seinem Eintreffen wurde der Landgraf von der gesamten Jäger- und Forstbeamtenschaft der Umgebung empfangen, deren Aufgabe es vorher gewesen war, Wälder und Schneisen instand zu setzen und die Standorte der Wechsel der starken Hirsche zu bestätigen.

Ludwig VIII. scheint in Romrod keine eingestellten oder Hauptjagden abgehalten zu haben, sondern er zog es vor mit der Windbüchse zu pirschen, wie er es auch häufig in der Umgebung von Darmstadt tat.

Ob in Oberhessen Parforcejagden stattgefunden haben, ist nicht bekannt. Zumindest wurden, wie in allen landgräflichen Jagdgebieten, die Wälder durch Schneisen erschlossen. Da sich der Landgraf meist in einem Jagdwagen ins Revier begab, waren die Schneisen ebenso von Nutzen wie bei der Parforcejagd. Nach den überlieferten Berichten ließ sich Ludwig VIII. durch einen berittenen Wildmeister führen (genannt wird der Wildmeister Euler von Zell) der die Stellen von denen aus der Landgraf zum Schluss kommen konnte, mit Hilfe eines weißen Stabes kennzeichnete. Ludwig soll oft vom Wagen aus stehend geschossen und selten sein Ziel verfehlt haben.

Im Gegensatz zu den Parforcejagden ging die Jagd hier ziemlich geräuschlos zu, denn der Landgraf bevorzugte als Waffe die Windbüchsen, von denen in Kranichstein eine stattliche Anzahl erhalten ist.

Hier kommt ein weniger der barocken als vielmehr der persönlichen Jagdfreude entsprechender Zug Ludwigs VIII. zum Ausdruck, der in die Moderne weist.

Malen lies er diese Jagdart seltener, dazu eigneten sich die mit viel Szenerie einhergehenden Parforcejagden wesentlich besser. Nur in dem glücklicherweise erhaltenen Jagdskizzenbuch des Forstmeisters Rautenbusch von Messel, (heute im Schlossmuseum Darmstadt) worin die „raren Schuss“ des Landgrafen im Forst Arheilgen gesammelt wurden, begegnet uns Ludwig VIII. als Jäger mit der Windbüchse, ebenso auf einer seiner Jagdtaschen in Kranichstein.

Sonst geben vor allem die Aufschriften der in Kranichstein aufgehängten kapitalen Geweihe Kunde von der Vorliebe Ludwigs VIII., mit der Windbüchse zu jagen. Viele der starken Hirsche, mit denen die Fürsten sich damals gegenseitig zu übertreffen suchten und für deren allgemeine Verbreitung sie Jagdmaler und Jagdkupferstecher hielten, erlegte Ludwig VIII. im Oberforst Romrod : am 17. September 1747 einen Zweiundzwanzigender von 480 Pfund Gewicht, und vier Tage später einen Zwanzigender von fünf Zentnern, am 05. Oktober 1744 zwei Zwanzigender von 430 und 450 Pfund Gewicht. Mehrere andere starke Geweihe der ebenfalls in diesem Jahr bei Romrod erlegten Hirsche hängen in Kranichstein, meist noch zusätzlich in kleinformatigen Ölbildern porträtiert.

Die Gesamtstrecke eines Aufenthaltes im Jägertal war groß und lag meist zwischen 60 und 80 Stück Wild, manchmal darüber.

Besondere Aufmerksamkeit brachte man damals in der Jägerei für die sogenannten „raren Gehörne“ auf, verkrüppelte oder auf sonst eine Art unnatürliche Geweihbildungen. Auch besondere Färbungen des Wildes oder Missbildungen der Tierkörper erregen hohe Aufmerksamkeit. 1741 erlegte Ludwig VIII. beispielsweise im Jägertal einen weißen Sechzehnender.

Unter den 80 Hirschen, die der Landgraf 1748 zur Brunftzeit dort erlegte, wog der stärkste vier Zentner. Es war ein Schaufelhirsch mit „curiosen Schalen“, die ihm an den Hinterläufen in die Höhe gewachsen waren.

Die Jagdaufenthalte des Landgrafen lieferten oft Stoff zu Anekdoten, die dann im Volk, besonders aber unter den Jägern, weitererzählt wurden. Ludwigs VIII. leutselige Natur scheint diesem Bedürfnis entgegenkommen zu sein. In dem beim Jägertal gelegenen Revier „Jünglingshecken“ verfehlte der Landgraf auf einer kleinen Privatwiese einen starken Hirsch, dem er schon länger nachgestellt hatte und war darüber sehr ärgerlich. Auf die Frage, wie die Wiese heiße, antwortete der begleitende Wildmeister, dass die unbedeutende Stelle keinen Namen führe. Da befahl der Fürst, dass sie von nun an wegen seines Unglücks die Scheißwiese heißen solle. Der Name hielt sich bis in die jüngste Zeit.

Ein anderer Distrikt verdankt seine Benennung der Ludwig VIII. häufig ins Jägertal begleitenden Helene Martini. Sie soll dem Landgrafen dort meist nach Beendigung seiner Pirschfahrten vom Jägertal aus entgegengekommen sein, und man nannte diese Gegend daher „Im Lenchen“.

Schon zum Ende der Regierungszeit Ludwigs VIII. waren mit dem Siebenjährigen Krieg unruhige Jahre auch für Romrod gekommen, in denen es unter der Plünderung und Ausbeutung durchziehender Truppen zu leiden hatte. Mit dem Tode des Landgrafen 1768 ging dann die Jagdherrlichkeit des Jägertals zu Ende. 1769 befahl sein Sohn und Nachfolger Ludwig IX., dass alle Schlösser und herrschaftlichen Gebäude mit Ausnahme von Kranichstein, Wolfsgarten, Dianaburg und Butzbach zu Fabriken verwandt oder verkauft werden sollten. Das Schloss in Romrod benutzte man als herrschaftlichen Fruchtspeicher, teilweise auch als Gefängnis.

1797 wurde das Jägertal dann für 1020 Gulden auf Abbruch verkauft, ausgenommen blieben das Herrenhaus und die Küche. Sie dienten noch eine Zeit als Försterwohnung. Ein 1823 angestrebter Verkauf kam nicht zustande, weil der Käufer nicht bezahlen konnte. Am absteigenden Rang der Bewohner lässt sich der bauliche Zustand der Gebäude ablesen: sie dienten noch ein paar Jahre als Unterförsterwohnung, bis 1835 auch der Rest des einstigen Jagdlagers verschwand. Die Steine des Kellergewölbes verwandte man zur Wegbefestigung. 1913 war die untere Brücke, die über den Göhringer Bach ins Jägertal führte, noch erhalten, die obere schon abgebrochen. Heute sind diese Brückenstellen nur noch durch eine Ansammlung von Steinen am Bachufer erkennbar.

Das Jägertal wird jetzt gegen Zell hin von der Autobahn Frankfurt-Kassel, die das Tal auf hohem Damm überquert, abgeriegelt. In der entgegengesetzen Richtung aber, talaufwärts, bietet es immer noch ein Bild unberührter landschaftlicher Schönheit.