• Banner Ortsteile Romrod

Stadt Romrod Vogelsbergkreis

30.08.2017

5000 Jahre altes Großsteingrab entdeckt

ROMROD - Es ist schon beinahe ein Sensationsfund und zeugt von einer Besiedlung des Vogelsbergs vor über 5000 Jahren.

Studenten und Ausgrabungshelfer sitzen bei brütender Hitze auf den Knien und kratzen mit Spachtel und Besen zwischen den freigelegten Steinen auf der Suche nach besonderen Fundstücken. Doch die Wahrscheinlichkeit, noch etwas Größeres zu finden, ist gering, schätzt der Ausgrabungsleiter Uwe Schneider. Denn das Alter des Großsteingrabes und der saure Boden haben im Laufe der Zeit alle menschlichen Überreste aufgesogen. Lediglich ein paar Keramikscherben zeugen vom Alter der 16 Mal 4 Meter langen rechteckigen Anlage im Wald zwischen Alsfeld und Romrod.

Doch es bestehe die Hoffnung, zumindest Grabbeigaben zu entdecken, sagt Bezirksarchäologe Dr. Andreas Thiedmann. Er und seine Kollegen schätzen das entdeckte Großsteingrab auf die Zeit zwischen 3500 und 2800 vor Christus. Der Hang von Alsfeld in Richtung Romrod ist seit vielen Jahren bekannt für seine Hügelgräber. Sie stammen jedoch alle aus der Bronzezeit (2200 bis 800 vor Christus) und sind somit deutlich jünger.

Im Zuge der Errichtung von Windkraftanlagen sind sowohl ein weiteres Hügelgrab als auch das Großsteingrab aus der sogenannten Wartberg-Kultur vor 5000 Jahren entdeckt worden. "Selbst ich habe das in seiner Brisanz zunächst nicht gleich erkannt, aber Verdacht geschöpft. Es passte einfach nicht ins Bild", berichtet Thiedmann über die Anfänge der Grabung am 2. Mai. Schnell hätten sich dann geradlinige Strukturen ergeben. Steine hätten senkrecht gestanden, die gar nicht von Natur aus senkrecht stehen können.

Erste Auffälligkeiten ergaben sich bei der Vorsondierung, erklärt Joachim Vogel vom Windkraftanlagenerrichter Turbowind Energie. Viele Menschen wüssten gar nicht, dass das zur Windkraftplanung dazugehöre und nicht nur die Prüfung auf Umweltverträglichkeit oder des Abstandes zur Wohnbebauung. Das Unternehmen habe dann die Archäologen informiert und sie bei ihrer Arbeit unterstützt. Dementsprechend neugierig verfolgten dann auch Vogel und sein Kollege Julian Voges die Ausführung der Archäologen. Ebenso hatten sich Vertreter von Hessenforst, dem Forstamt Romrod und der Grundstücksbesitzer dazugesellt. Weil Entdeckungen beim Windkraftanlagenbau keine Seltenheit seien, arbeite das Unternehmen mit dem emeritierten Archäologieprofessor Claus Dobiat aus Marburg eng zusammen. Er sorgte dafür, dass die Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie Marburg die Grabung baubegleitend zur Windkraftanlagenerrichtung übernahm.

Vergleichbare Gräber wurden insbesondere in Nordhessen, aber auch in Marburg, Limburg, Muschenheim bei Lich und zuletzt auch im Vogelsbergkreis bei Angersbach freigelegt. Neu, besonders und schwieriger ist für die Wissenschaftler das Arbeiten im Vogelsberg. Andernorts mussten Steine für die alten Gräber rangeschafft werden. Daher waren sie viel leichter zu entdecken und freizulegen. In Romrod dagegen ist der Basaltstein allgegenwärtig. Mühsam gilt es hier zu schauen, welche Steine aufgestellt und angeordnet wurden - zwischen den vielen Natursteinen. "Der Fund ist von seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen. Er kann als Bindeglied zwischen den genannten Regionen angesehen und als sehr bedeutend für die Landesarchäologie gewertet werden", sagt Thiedmann.

Leider könnten aus heutiger Sicht über die Völker von einst nur Vermutungen angestellt werden. Beispielsweise sei nicht auszuschließen, dass sich über den Steinen eine Holzkonstruktion befunden habe. Schätzungsweise dürften bis zu 100 Menschen im Großsteingrab bestattet gewesen sein, erklärt Dobiat.

Auch das neuentdeckte Hügelgrab aus der Bronzezeit hielt für die Wissenschaftler einige Überraschungen bereit. Denn laut ihnen ist es das bisher jüngste in der Umgebung. Sie datieren es auf 800 vor Christus und somit bereits zum Ende der Bronzezeit im Übergang zur Eisenzeit. Reste einer Bestattung in Form von verstreuten Keramikscheiben und Leichenbrand wurden gefunden. Im Gegensatz zum viel älteren Großsteingrab ist dieses Hügelgrab wie die zahlreichen anderen am Romröder Berg rund.

"Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blickte ich auf die Entdeckungen", sagt Thiedmann. Der Windkraft sei schließlich die Entdeckung zu verdanken, aber jetzt müssten die bewahrenswerten Gräber eben dieser weichen. Das werde schon in den nächsten Tagen geschehen. Aber ein Funken Hoffnung für die Nachwelt besteht. Vielleicht könnte das Grab komplett abgetragen und in der Nähe, etwa an einem Wanderweg für den Tourismus, wieder aufgebaut werden. Diese Idee hat zumindest Hessenforst und möchte sie allen Beteiligten und den städtischen Gremien näher bringen.